8.11.07

wo er recht hat, hat er recht

"Es ist überhaupt ein Kennzeichen der marktradikalen Ideologie, dass sie in allen Bereichen, vor allem bei der Bekämpfung von Armut und Arbeitslosigkeit, auf den empirischen Beweis des Versagens ihrer Rezepte mit der Forderung nach 'noch mehr Markt' reagiert. Diese Strategie der Selbstimmunisierung [...] gegen empirische Widerlegung wird auch als Reaktion auf Misserfolge und Systemwidersprüche im Wissenschaftsbereich bisher erfolgreich angewandt."
[Aus der Abschiedsvorlesung von Bodo Zeuner am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der FU-Berlin, in der er die derzeit grassierende naive Vorstellung kritisiert, Wissenschaft könne nach denselben Prinzipien organisiert werden wie private Unternehmen. Gleichzeitig ist die Vorlesung auch eine überraschend offene und selbstkritische Dokumentation des Zerfalls der intellektuellen Hegemonie der Linken an den deutschen Universitäten seit Mitte der 80er Jahre. Von Bologna bis zur Exzellenz-Initiative hat die 68er-Professorenschaft brav jeden Beschluss mitgetragen, der das Ideal einer autonomen, frei über Forschung und Lehre bestimmenden Universität ausgehebelt hat.]

Nachtrag: Das Zitat von Bodo Zeuner hat eine rege Diskussion ausgelöst (in den Kommentaren und hier und hier). Allerdings nicht über den Vorwurf der "Selbstimmunisierung" marktorientierter Politikempfehlungen, sondern über die Frage, ob es denn überhaupt "empirische Beweise" des Versagens neoliberaler Programme gibt. Da empirische Beweise in den Sozialwissenschaften nun aber eine ziemlich schwierige Sache sind (mitunter ist es ja sogar nicht ganz einfach, eine Diktatur von einer Demokratie zu unterscheiden), wird über diese Frage wohl noch eine Weile diskutiert werden. Aber immerhin scheint der eine oder andere Diskutant eingesehen zu haben, dass nicht alle Probleme der Welt auf einen Schlag gelöst wären, wenn man nur endlich den großen politischen Schalter von Staat auf Markt stellen würde. Oder umgekehrt.

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10 Comments:

Anonymous Rayson said...

Bei Staatsanteilen von ca. 50% und einem jährlich wachsenden Berg an Gesetzen und Vorschriften vom "empirischen Versagen" einer "marktradikalen Ideologie" zu sprechen, entbehrt nicht einer gewissen Komik.

Da drängt sich doch die Frage auf, wer sich da gegen was immunisieren will.

8/11/07 09:35  
Anonymous Anonym said...

...nur das dieser Beweis bereits angetreten wurde. Weder sind Armut und Arbeitslosigkeit in marktwirtschaftlich orientierten Ländern größer als in Deutschland noch hat der Staat diese Probleme irgendwo gelöst. Insofern solltest du die Überschrift in "In mag es, wenn jemand meine Vorurteile bestätigt..." ändern. Für mich ist dieses Niveau der Auseinandersetzung mit den sozialen Problemen unserer Zeit eher Ausdruck einer kranken Linken, die außer polemischen Rückzugsgefechten nichts mehr gebacken bekommt.

8/11/07 10:00  
Blogger la deutsche vita said...

@ Rayson
So falsch kann Zeuner mit seiner Beobachtung nicht liegen, denn dein Kommentar bestätigt was er gesagt hat.

Aber anstatt beim Vorwurf der Selbstimmunisierung stehen zu bleiben, sollte man das lieber mal ein bisschen weiter denken. Wenn der Markt als Modus der politischen Steuerung nämlich nicht mit anderen Steuerungsformen koexistieren kann, dann wäre das ein ziemlich großes Manko. Dann wäre er kaum mehr als eine schöne Utopie, die in der "schmutzigen" Realität des politischen Alltags notgedrungen scheitern muss. Die Befürworter staatlicher Steuerung durch Gesetze und Vorschriften haben es da leichter. Gesetze funktionieren zwar nie perfekt, sind dafür aber auch weniger störanfällig gegenüber anderen parallelen Steuerungsformen. Gesetze funktionieren auch dann noch, wenn gleichzeitig auch der Markt Steuerungsimpulse sendet. Für den Markt müsste so eine Fähigkeit zur Koexistenz erst noch gezeigt werden.

8/11/07 10:15  
Blogger la deutsche vita said...

@ anonym

Was sind denn "marktwirtschaftlich orientierte Länder"? Solche, wo die Staatsquote "nur" bei 36 statt 46 Prozent liegt, wie etwa in den USA? Da kommt Deutschland auch irgendwann hin, ohne dass der Markt besser in der Lage sein wird, soziale oder ökologische Probleme zu lösen.

8/11/07 10:26  
Anonymous Rayson said...

@la deutsche vita

Ich wüsste zwar nicht, wie mein Kommentar aus Zeuners Traumwelt eine reale machen könnte, aber ich verstehe auch dein Problem nicht:

Ersetze in deiner Antwort auf meinen Kommentar einfach mal das Wort "Markt" durch das Wort "Freiheit", und schon fällt es wie Schuppen von den Haaren: Selbstverständlich ist die Existenz so einer Sache auch ein wenig abhängig von den Versuchen, sie abzuschaffen.

Was mit dem Markt nur soweit gelingt, wie sich auch die Freiheit ingesamt abschaffen lässt, also in Abwesenheit totaler Kontrolle des Einzelnen nie so ganz - die Geschichte der staatlichen Wirtschaftslenkung ist eine Geschichte der Schwarzmärkte.

Nun bin ich niemand, der einen Anarchokapitalismus befürwortet, aber diese Chuzpe von einem Wissenschaftler, eine platte Aussage, die auf einer schon allein durch Augenschein widerlegbaren Annahme beruht, als "empirisch" gestützt zu bezeichnen, ist in meinen Augen ein glattes Eigentor. Wenn das die Qualität der Unis vor ihrer "Bolognaisierung" war, dann konnte die nur wenig kaputt machen...

8/11/07 17:54  
Blogger la deutsche vita said...

@Rayson
Jaja, empirische Studien gibt es von Zeuner nicht. Das behauptet er aber auch nicht. Eine ganz interessante empirische Studie ist z.B. die von Baccaro und Rei in der Zeitschrift International Organization. Ihr Ergebnis: weder Deregulierung noch Regulierung erklären die Höhe der Arbeitslosigkeit, sondern vor allem die Stärke der Gewerkschaften und die Geldpolitik der Zentralbank. Ob der Staat den Arbeitsmarkt stark reguliert oder den Marktkräften freien Lauf lässt, ist offenbar weitgehend irrelevant. Mehr Markt führt jedenfalls nicht zu weniger Arbeitslosigkeit. Hier der Abstract:

"The view that unemployment is caused by labor market rigidities and should be addressed through systematic institutional deregulation has gained broad currency and has been embraced by national and international policymaking agencies alike. It is unclear, however, whether there really is robust empirical support for such conclusions. This article engages in an econometric analysis comparing several estimators and specifications. It does not find much robust evidence either of labor market institutions' direct effects on unemployment rate, or of a more indirect impact through the magnitude of adverse shocks. At the same time, we find little support for the opposite, proregulatory position as well: the estimates show a robust positive relationship between union density and unemployment rates; also, there is no robust evidence that the within-country variation of bargaining coordination is associated with lower unemployment (as frequently argued), nor is it clear that bargaining coordination moderates the impact of other institutions. All in all, restrictive monetary policies enacted from an independent central bank and other determinants of real interest rates appear to play a more important role in explaining unemployment than institutional factors."

Deine Analogie zum Begriff der Freiheit bringt uns auch kein Stück weiter. Immerhin funktioniert Freiheit ja ganz gut mit einem bisschen staatlicher Einschränkung von Freiheitsrechten. Da muss man sich dann in jedem einzelnen Fall darüber streiten, ob einem die Einschränkung sinnvoll erscheint, oder zu weit geht. So was mache ich ja sehr gerne. Aber jeder Versuch, sich kategorisch und a priori für eine Seite des Gegensatzpaars Freiheit/staatliche Einschränkung von Freiheitsrechten oder eben Markt/Staat zu entscheiden, muss scheitern.

Ich bin ja immer wieder überrascht, wie viele Leute sich mit scheinbar einfachen "Lösungen" zufrieden geben und sogar noch fordern, eine ziemlich komplizierte Realität an ihre simplen Daumenregeln anzupassen.

8/11/07 18:56  
Anonymous Rayson said...

@la deutsche vita

Ich weiß jetzt nicht, ob die Zeitschrift "international Organization" zu den renommierten gehört, bei denen man ein bestimmtes Niveau voraussetzen muss, aber jeder Versuch der Rationalisierung einer Diskussion ist zu begrüßen.

Ich weiß auch nicht, inwieweit du in der ökonomischen Diskussion dieser Fragestellungen zu Hause bist, um den Stellenwert dieser von dir genannten Studie einschätzen zu können. Mich würde etwas irritieren, dass namhafte Ökonomen andere Ansichten vertreten (und auch meine bescheidenen Kenntnisse sprächen dagegen), aber ok, es lebe der Disput.

Die Ausgangslage aber war eine andere. Es ist ja nun nicht so, dass es nur diese von dir genannte Studie gäbe, und dass trotzdem, quasi wider besseres Wissen, eine "marktradikale" Verschwörertruppe hartnäckig das Gegenteil behauptete. Auch die anderen Meinungen können ihre Studien zitieren
(in den Gutachten des Sachverständigenrates wirst du da fündig), und da ist dann halt je nach eigener Expertise die Frage, welche man für überzeugender oder glaubwürdiger hält.

Mir ist es aber deutlich lieber, anhand von konkreten Daten und Erklärungsansätzen über etwas zu diskutieren, als dass irgendein Prof irgendwelche schwachmatischen Glaubenssätze in die Welt hinauszuposaunt.

9/11/07 00:01  
Blogger la deutsche vita said...

International Organization ist eine der renommiertesten peer-reviewten politikwissenschaftlichen Zeitschriften. Die Studie ist eine empirische. D.h. es geht hier nicht um "Ansichten" von Ökonomen, sondern um den statistischen Test der tatsächlichen (emirischen) Bedeutung unterschiedlicher Erklärungshypothesen. Andere Studien zu ähnlichen Fragestellungen gibt es bestimmt. Wenn Du welche findest, sag Bescheid.

Das Schöne an so einer statistischen Analyse über einen längeren Zeitraum und über eine große Zahl von Ländern (in diesem Fall alle OECD-Länder) ist, dass man von der meist sehr subjektiven anekdotischen Evidenz wegkommt und belastbare Korrelationen identifizieren kann. Wenn die Autoren also rausfinden, dass zwischen dem Ausmaß der arbeitsmarktpolitischen Deregulierung und der Höhe der Arbeitslosigkeit kein signifikanter Zusammenhang besteht, dann stellt das die Position, dass Märkte am besten funktionieren, wenn der Staat sich raushält, erst mal in Frage. Zwar sind auch solche statistischen Aussagen mit vielen Unsicherheiten behaftet. Aber sie sind besser als "anekdotische" Argumente, die sich relativ willkürlich Einzelbeispiele als "Beleg" für generelle Aussagen heranziehen.

Und jetzt noch mal zur Aussage von Bodo Zeuner. Sie ist deshalb treffend, weil er eine typische Argumentationsfigur von Marktbefürwortern in der poltischen Debatte beschreibt. In fast jeder einschlägigen Debatte taucht diese Argumentationsfigur auf. Insofern hat Zeuner Recht.

Damit ist aber noch keine Wertung verbunden. Vielleicht ist es ja legitim, dass Marktbefürworter darauf hinweisen, dass ihre Rezepte nicht funktionieren können, solange der Staat den Markt an allen Ecken einschränkt. Andere Gruppen versuchen ja auch, ihre politischen Argumentationen so zu stricken, dass sie nicht mit einem Blick ins Statistische Jahrbuch widerlegt werden können (also zu immunisieren). Aber den "Marktwirtschaftlern" gelingt das im Moment einfach am besten, weil ihr Idealzustand eines uneingeschränkt funktionierenden Marktes in sozial- oder umweltpolitisch relevanten Bereichen nie zustande kommen wird. Und spätestens an diesem Punkt unterscheiden sie sich dann auch nicht mehr von den "Etatisten", die ihre Position genauso mit dem Verweis auf ein idealtypisches Modell gegen jeden empirischen Zweifel verteidigen.

9/11/07 11:33  
Anonymous Rayson said...

Die Diskussion der Studie sollte jetzt besser bei Statler fortgesetzt werden, aber ich hoffe vermittelt zu haben, dass ich solche Ansätze begrüße.

Im Gegensatz zum Zeunerschen Gedröhne, dessen Problem weniger in der Wiedergabe eines Argumentationsmusters liegt, sondern in der durch nichts zu rechtfertigenden Behauptung, dieses sei trotz eines empirischen Versagens seiner Voraussetzung anzutreffen. Das ist einfach unredlich, sorry.

11/11/07 22:22  
Anonymous Rayson said...

Zum Nachtrag:

Der "große Schalter" wäre übrigens ziemlich "unhayekianisch".

13/11/07 12:07  

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