12.7.06

musterschüler

Anders als beispielsweise die Amerikaner fühlen sich die Deutschen in Ämtern und Institutionen überaus wohl. Nicht nur die Protestbewegung der 68er war froh, als sie endlich die unwirtliche Straße verlassen und den betulichen Marsch durch die Institutionen antreten konnte (der dreißig Jahre später bekanntlich im rot-grünen Bewährungsaufstieg zur Bundesregierung sein Ziel erreichte). Auch außenpolitisch setzt das Deutschland der Nachkriegszeit - aus gutem Grund - in erster Linie auf die Zusammenarbeit in internationalen Institutionen. Einer kürzlich veröffentlichten Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge erwarten mehr als 80 Prozent der Deutschen, dass die Vereinten Nationen künftig eine wichtige weltpolitische Rolle einnehmen werden. Im Rest der Welt sind weniger als die Hälfte dieser Ansicht. UN-Generalsekretär Kofi Annan weiß daher auch, was er an Deutschland hat. Gestern lobte er den "Musterschüler" der Vereinten Nationen:
"Es gibt vielleicht nur eine begrenzte Zahl an perfekten Mitgliedsstaaten. Aber Deutschland ist ein solcher perfekter Mitgliedsstaat."
Einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat erhält der "perfekte Mitgliedsstaat" zwar noch nicht, dafür wurde aber heute ein neuer UN-Campus im ehemaligen Bonner Abgeordnetenhaus "Langer Eugen" eröffnet. Dort sind gleich zwölf neue UN-Büros untergebracht, darunter die Sekretariate zur Erhaltung europäischer Fledermauspopulationen, afrikanisch-eurasischer wandernder Wasservögel, der Kleinwale in Nord- und Ostsee und des Übereinkommens zur Bekämpfung der Wüstenbildung. Das ist vielleicht nicht das Maß aller Dinge, aber immerhin ein Anfang. Auch der Institutionenmarsch der (Alt-)68er, das darf man nicht vergessen, hat ja einmal ganz unten angefangen.

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1 Comments:

Anonymous Lambing said...

Bemerkenswert ist natürlich die Präsenz des Sekretariats der UN Klimarahmenkonvention. Die strategische Bedeutung dieses, umfassenden völkerrechtlich gewichtigen Umweltrechts wird angesichts seiner ökonomischen Konsequenzen zukünftig steigen, zumal in seinem Gefolge eine gewisse Emanzipation von Umweltfragen gegenüber den Ansprüchen des WTO-Regime stattfinden wird. Ob die Wüstenkonvention zukünftig an Gewicht zulegen wird, wäre auch eine spannende Frage. Mal sehen, was aus dem UN-Deutschland noch so wird.

28/7/06 14:20  

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