3.6.06

patri(di)otismus

Wenn ein Deutscher ohne die gemeinhin übliche kritische Distanzierung über Deutschland spricht, dann ist die nächste Runde der nichtendenwollenden Patriotismusdebatte nicht weit. Jüngstes Beispiel ist das gerade noch rechtzeitig zur Fußball-WM erschienene Buch des Spiegel-Kulturchefs Matthias Matussek mit dem patriotismusverdächtigen Titel "Wir Deutschen", das eine - aus der Sicht der Werbeabteilung sicher nicht unerwünschte - Patriotismusdebatte entfacht hat.

Dass in Deutschland kontrovers über Patriotismus diskutiert wird, hat gute Gründe. Die Frage, ob man ein Land lieben kann, das für das schlimmste Verbrechen der Menschheit verantwortlich ist, ist berechtigt. Die Art, wie die Diskussion geführt wird, erstaunt jedoch ein wenig. Im Mittelpunkt der Debatte stehen einzig und allein die individuellen Motive, die Menschen dazu bringen, sich als Patrioten zu definieren. Und die können natürlich nicht lauter sein. So genügt es Henryk Broder - in einer Art Generalkritik - auf die niederen Motive des Deutschland-Patriotismus anzuspielen, um das Matussek-Buch insgesamt gründlich zu diskreditieren. Als Kronzeugen läd er dabei zum x-ten Mal den Philosophen und Aphoristiker Arthur Schopenhauer:
"Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen",
peppt ihn mit ein bisschen sozialkritischem Horkheimer auf:
"Der Patriotismus in Deutschland ist so furchtbar, weil er grundlos ist"
und wischt die von Schopenhauer und Horkheimer hinterlassene Aura verstaubter Bibliotheken anschließend schnell mit einer saloppen Bob-Dylan-Zeile weg:
"Der Patriotismus ist die letzte Zuflucht, an die sich der Strauchdieb klammert".
In ein und demselben Atemzug läutet Broder eine neue Runde der deutschen Patriotismusdebatte ein und erklärt sie auch gleich wieder für beendet. Die naheliegende Frage, welche gesellschaftliche Funktion eine - in anderen Ländern weitaus weniger tabuisierte - Identifikation mit dem eigenen Land eigentlich erfüllt oder erfüllen könnte wird in der deutschen Debatte dagegen so gut wie nie gestellt. In einer Zeit, in der jedes denkbare menschliche Verhalten soziologisch seziert wird, in der vom Amoklauf bis zum Zeitmanagement alles in seinem gesellschaftlichen Kontext gesehen wird, bleibt es - zumindest in Deutschland - um die sozio-politische Bedeutung des Patriotismus eigentümlich still. Die öffentliche und sogar die wissenschaftliche Debatte verharrt in einer selbstreferentiellen Endlosschleife während die Deutungshoheit über den Begriff des Patriotismus wahlweise an opportunistische Selbstdarsteller oder nationalistische Randgruppen abgetreten wird.

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1 Comments:

Anonymous Anonym said...

Nenne doch einmal einen vernünftigen Grund dafür, sich mit seiner Nation zu identifizieren.
Einstweilen stimme ich dem Schopenhauer-Zitat uneingeschränkt zu.

6/6/06 19:04  

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