22.5.06

konzeptionslosigkeit als konzept

Der Begriff Inkrementalismus ist in Deutschland ein Fremdwort. Ein deutsches Pendant existiert nicht. Meist wird Inkrementalismus als "Strategie der kleinen Schritte" übersetzt. Böse Zungen sagen dazu auch gerne "Durchwursteln". Zum Kanon der klassischen deutschen Tugenden gehört der Inkrementalismus nicht. Umso mehr überrascht es, dass er in der deutschen Politik seit kurzem salonfähig ist.

So redet Angela Merkel in einem gerade erschienenen Interview mit der Süddeutschen Zeitung vehement der politischen Konzeptionslosigkeit das Wort:
"Es gibt in Deutschland eine große Sehnsucht, die großen Probleme mit einem einzigen großen Wurf zu beheben. Je größer die Probleme werden, umso größer wird diese Sehnsucht. Ich kenne dieses Gefühl aus den Zeiten der deutschen Einheit, als wir vieles in den neuen Bundesländern haben zusammenbrechen sehen, und man auf den großen Investor, auf den Durchbruch gewartet hatte. Damals wurde mir klar, dass der richtige Weg eher ein Mosaik ist und aus vielen kleinen Steinen zusammengesetzt wird. Das daraus entstehende Bild erschließt sich, wenn das Mosaik gelegt ist".
Die Reformpolitik der großen Koalition als Mosaik aus vielen kleinen Teilchen, das sich nicht nur dem Betrachter, sondern offenbar auch dem überraschten Künstler erst dann erschließt, wenn der letzte Stein gelegt ist. Politik wird zum Überraschungsei, Reformen zum Ratespiel und wenn einer der Kandidaten bei dieser Neuauflage des fast schon vergessenen "Dalli-Klick" errät, wohin es geht, dann stellt sich Quizmasterin Angela Merkel auf die Zehenspitzen und ruft freudestrahlend "Das war Spitze!".

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