2.5.06

idee und wirklichkeit

Deutschland ist ein Land der Ideen ... nicht der Taten. Und das nicht erst seit der gleichnamigen Marketingkampagne der deutschen Wirtschaft zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Schon vor 200 Jahren charakterisierte Madame de Staël die Deutschen als kopflastiges Volk, das eher auf Theorie denn auf praktisches Handeln setzte. Auch Hölderlin bezeichnete uns Deutsche in seiner Ode "An die Deutschen" als "thatenarm und gedankenvoll".

Die jüngste Diskussion um Geburtenraten, Familie und Kinderkriegen bestätigt diese Einschätzung. Seit Wochen sind sich Politiker und Leitartikler, Aktivisten und Feuilletonisten einig, dass Deutschland mehr Kinder braucht. Eltern sollen mehr gesellschaftliche Anerkennung erfahren, Familien sollen stärker unterstützt werden, Kinderkriegen soll sich wieder lohnen. Jeder redet mit und hat Lösungen parat. Dennoch bleiben die Beiträge zur Debatte eigentümlich distanziert, theoretisch und unbeteiligt. Über Familie und Kinder wird gesprochen und geschrieben, als seien sie etwas fernes und exotisches. Diese Praxisferne geht so weit, dass die "Welt am Sonntag" dem wissbegierigen Leser in einer vierteiligen Serie nun erst einmal erklären muss "was Familien ausmacht und bewegt, ihre Freuden (und auch Leiden)". Neben Einbaumfahrten im Dschungel Borneos und Sonnenuntergängen auf der Insel Curaçao wird der Sonntagsleser vier Wochen lang in die unbekannten Welten des deutschen Kinderzimmers und der Einfamilienwohnung mitgenommen. Neben der exzentrischen Schuhsammlerin Imelda Marcos und der 80-jährigen Queen von England wird er mit den alltäglichen Freuden und Sorgen von sechs Müttern bekannt gemacht - von der alleinerziehenden über die kenianische bis hin zur Vintage-Mutter am Ende des 19. Jahrhunderts. Bei Sabine Christiansen, schließlich, diskutieren ältere Herrschaften aus Politik, Wirtschaft, Kirche und Medien über Kinderbetreuung versus Elterngeld.

Thatenarm und gedankenvoll. Nach-denken statt vor-denken. Das ist die deutsche Realität. Dabei würde ein bisschen weniger Theorie und ein bisschen mehr Praxis unserer Geburtenrate sicherlich nicht schaden.

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