14.9.06

anything goes

Mit ein wenig Verspätung ist die Postmoderne auch in den deutschen Schulen und Kindergärten angekommen. Ihr Erkennungszeichen ist der inflationäre Gebrauch der Worte "pädagogisches Konzept". Jede Tagesmutter und jeder Schuldirektor hat heute eins und dennoch gleicht kein pädagogisches Konzept dem anderen. Jedes einzelne ist eine einzigartige Mischung aus lernpsychologischem und erziehungswissenschaftlichem Lehrbuchwissen, zufällig auf den Schreibtisch geflatterten Fachartikeln, hausbackener Kritik am bildungspolitischen Status Quo, freihändiger PISA-Interpretation, dem einen oder anderen Artikel der GEW-Zeitschrift Erziehung und Wissenschaft und viel persönlicher Erfahrung. Kurz: ein postmodernes Patchwork pädagogischer Versatzstücke.

Die "Erarbeitung" solcher pädagogischer Konzepte nimmt in unseren Bildungseinrichtungen immer mehr Zeit in Anspruch. Ihre Umsetzung hingegen beschränkt sich meist auf holprige Ansprachen auf Elternabenden und bunte Flugblätter und Broschüren mit der ebenso selbstzufriedenen wie nichtssagenden Überschrift: "Unser pädagogisches Konzept". Die zentrale Botschaft lautet: "Es ist geschafft". Was geschafft sein soll, das weiß allerdings niemand so genau. Hauptsache konzeptionell. Hauptsache anders als zuvor.

Dieser Zwang zur ständigen Neuerfindung des pädagogischen Rads, gepaart mit einer zunehmenden Beliebigkeit der Inhalte, treibt immer skurrilere Blüten. Sein neuestes Produkt ist die Stahlhelm-Pädagogik des ehemaligen Leiters des Elite-Internats Salem, Bernhard Bueb, der mit seinem Loblied auf die altdeutschen Tugenden Gehorsam, Disziplin, Verzicht, Ordnungssinn und Standhaftigkeit erfolgreich auf den derzeitigen Trend zum neuen Konservativismus aufspringt. Jedenfalls werden seine fragwürdigen Thesen begierig von der gesamten Medien landschaft aufgesogen - von der Bild-Zeitung ebenso wie von ihrem bildungsbürgerlichen Pendant, dem Spiegel. Dort finden sich dann unter anderem die folgenden bahnbrechenden pädagogischen Einsichten:
"Wir müssen wieder zu der alten Wahrheit zurückkehren, dass nur der den Weg zur Freiheit erfolgreich beschreitet, der bereit ist, sich unterzuordnen, Verzicht zu üben und allmählich zu Selbstdisziplin und zu sich selbst zu finden. Damit schafft er die Voraussetzung für sein Glück".
"Ziel der Erziehung zum Arbeiten muss ein Grad der Gewöhnung sein, der die Arbeit zur zweiten Natur werden lässt".
"Gehorsam und Furcht vor Strafe sollten wir nicht länger aus der Erziehung verbannen".
"Der lange Arm Hitlers hindert uns noch immer daran, Disziplin selbstverständlich einzufordern. Doch die Zukunft Deutschlands hängt von der Rückkehr zur Disziplin ab".
"Es ist ein großes Problem unserer Gesellschaft, dass viel zu viele Jugendliche viel zu früh Verführungen ausgesetzt sind. Nur wenige Eltern schaffen es, ihre Kinder dagegen zu wappnen. Deshalb bin ich dafür, die Urinkontrolle für alle Jugendlichen einzuführen. Die Konsequenz muss nicht gleich die Todesstrafe sein (...). Doch die Erfahrung spricht für den Erfolg harter Strafen".
Ein Merkmal der pädagogischen Postmoderne ist die nahezu beliebige Kombinierbarkeit unterschiedlichster, widersprüchlicher, eigentlich inkompatibler Ideen und Vorstellungen in einem großen und bunten konzeptionellen Flickenteppich. Da war es nur eine Frage der Zeit bis jemand in aller Öffentlichkeit die "früher-war-alles-besser" Litanei anstimmen würde. Hauptsache anders. Hauptsache konzeptionell. Und solange eine Nachricht wert, bis in wenigen Tagen dann die nächste Sau durchs pädagogische Dorf getrieben wird.

Nachtrag: Die Möglichkeit zum uneingeschränkten Lob des Gehorsams lässt sich natürlich auch die FAZ nicht entgehen: "Gehorsam verlor in den letzten vierzig Jahren jedes Ansehen in der Pädagogik, aber nicht in der Armee, nicht in den Rettungsdiensten und nicht im Sport".

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2 Comments:

Anonymous njus said...

Vor allem sollte man sich fragen wie das mit den momentanen gesellschaftlichen Verhältnissen passt. Der Privatkonsum von Drogen ist nahezu legal, gleichzeitig wird in den Schulen "stichprobenartig" kontrolliert?
Auf MTV laufen 24 Stunden am Tag Softpornos, etc. Gleichezeititg soll der Schüler wenn er um 8:30 das Klassenzimmer betritt auf einmal keine versauten Witze mehr erzählen...
Morgens katholische Werte abends der Papst als Witzfigur auf MTV, das passt nicht richtig zusammen. Ich befürchte die Kinder könnten da etwas schizophren werden.

14/9/06 08:43  
Blogger Zusatzstoff said...

Ganz ehrlich, Kinder schon im Kindergarten mit "pädagogischen Konzepten" zu quälen, ist gruselig (und ich habe in einem Zivildienst geleistet). Meistens wirkt so etwas altbackenes wie "individuelle Förderung" besser als irgendein "Konzept". Und wenn ich mir den postmodernen Kindergarten (oder etwa den post-postmodernen?) zurechtdenke ... Nein, da höre ich lieber auf. Es gibt wichtigere, dringendere Felder, wo unser Nachwuchs kaputt gemacht wird. Etwa in der Kultusministerkonferenz.

14/9/06 23:37  

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