16.10.06

land der prekären ideen

Deutschland ist ein Land der Ideen ... weniger der Taten. Das war schon immer so und hat Vor- und Nachteile. Einer der größten Nachteile unserer Fixierung auf Ideen, Worte und große Gedanken wird in jüngster Zeit immer deutlicher: Der Glaube, dass Probleme allein durch die geschickte Wahl der sie beschreibenden Worte gelöst werden könnten. Kurz: dass man Probleme wegdiskutieren kann. Jüngstes Beispiel ist das plötzliche Auftauchen einer "neuen Unterschicht" oder eines "abgehängten Prekariats", wie es die verantwortliche Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeitgeistkonform formuliert. Die Studie selbst ist noch lange nicht veröffentlicht (bisher kursiert nur eine unauthorisierte Powerpoint Präsentation) da üben sich die Politiker sämtlicher Parteien schon reflexhaft in verbaler Problembekämpfung.

Den Kern ihrer Aussagen bringt Fanz Müntefering auf den Punkt: "Es gibt keine Schichten in Deutschland". Der Begriff der Unterschicht sei vielmehr ein für die politische Arbeit absolut untaugliche Jargon "lebensfremder Soziologen". Genauso sieht es auch Volker Kauder von der CDU: "Dieser Ausdruck stigmatisiert und sorgt dafür, dass man diese Leute nicht mehr erreichen kann." Er spricht daher lieber von "Menschen mit sozialen und Integrationsproblemen". Damit wäre das Problem dann auch schon fast gelöst. Fehlt nur noch die Einberufung einer Expertenkommission "Prekäre Lebensverhältnisse", die Verabschiedung einer nationalen Strategie zur Bekämpfung der neuen Armut und die Berufung eines Bundesbeauftragten für die Integration von Menschen mit sozialen und Integrationsproblemen. Und schon kann das Problem zu den Akten gelegt werden. Denn eins ist sicher: Das abgehängte Prekariat ist viel zu lethargisch, um sich zu beschweren, und viel zu einflusslos, um sich Gehör zu verschaffen.

Nachtrag: Hier gibt es die vollständige Präsentation der Studie.

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2 Comments:

Anonymous Anonym said...

Der Begriffe stammt von dem Soziologen Ernst Nolte (. Jenseits der blockierten Republik, 2004), welcher die Unterschied wie folgt definiert:
- extreme Vermögensunterschiede werden als gegeben betrachtet
- Verwahrlosung durch sozialstaatliche Alimentierung
- Weigerung sich an die bürgerlichen Leitkultur anzupassen

Interessant das hier nicht die Konzeption sondern lediglich der Soziologenjargon kritisiert wird. Erschreckend ist meiner Ansicht nach vor allem die die Definition, mag man den Begriff dafür nennen wie man will.
Wie eine "Lösung des Problems" hier wohl aussehen mag?
Wen das Problem nicht darin liegt, dass Chancenlosigkeit existiert sondern darin, dass sie erkannt wird, dann hat man bereits in der Definition vieles vorweggenommen.

16/10/06 22:15  
Anonymous Anonym said...

"unterschicht" nicht "Unterschied"

16/10/06 22:15  

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