4.1.07

erfüllungsjournalismus

In Zeiten der großen Koalition ist mit Kritik und Opposition kein Staat zu machen. Das färbt auch auf den Journalismus ab. Es ist noch nicht allzu lange her, dass die deutsche Presselandschaft von investigativen Überzeugungstätern, von Skandale aufdeckenden "Muckrakern" dominiert war. In jüngster Zeit steht dagegen ein anderer Typ von Journalist im Vordergrund: der Erfüllungsjournalist. Statt den politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Eliten auf die Finger zu sehen, klopft er ihnen kumpelhaft auf die Schulter. Für einen kurzen Blick in ihr luxuriöses Leben bedankt er sich mit einfühlsamen Lobgesängen und hofft, dass ein ganz klein wenig ihres weltläufigen Glanzes auch an ihm kleben bleibt. Den Begriff des "Under-Cover-Journalismus" würde er am liebsten wörtlich nehmen und als er während des Irak-Kriegs zum ersten Mal das Wort "embedded" hörte, dachte er an Madonna. Unter dem Deckmantel des Enthüllungsjournalisten hat er sich unmerklich zum Spesenritter und Hofberichterstatter gewandelt. Und so klingen seine "Reportagen", zum Beispiel über den Bundespräsidenten:
"Lebensweltlich repräsentieren er und seine überaus elegante Frau Eva jenen weltläufigen Chic der gehobenen Mittel- und Oberschicht Deutschlands, die auf der Höhe der Zeit verlorene bürgerliche Traditionen wieder aufnimmt. Wenn man die Köhlers im Villenviertel Dahlem spazieren gehen sieht oder am Schlachtensee schwimmen oder das Ehepaar in einer Klassik-Clubnacht zwischen Acne-Jeans tragenden Jugendlichen sitzen sieht, bekommt man Lust auf dieses Land. Lust, mit anzupacken. Horst Köhler hat Stil. [...] Dieser Bundespräsident ist ein Garant für das weitere Gelingen Deutschlands."
[Ulf Poschardt in der Welt über Bundespräsident Köhler - via Zwischenspeicher]

Nachtrag: Hierzu passt dann auch die Spiegel-Kritik der Frankfurter Rundschau: "Der Spiegel hat [...] seine lange währende Funktion als politisches Leitmedium verloren - und die Rolle als investigatives Flaggschiff ebenso: [...] Montags wird im Land nicht mehr gebibbert. Es steht der Vorwurf von Franziska Augstein im Raum, das Produkt sei beliebig geworden und geschwätzig." Wer, außer dem Spiegel selbst, würde da widersprechen?

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2 Comments:

Anonymous waschsalon said...

die branche zitiert sich viel zu oft selbst.

6/1/07 19:43  
Anonymous sabbeljan said...

schön zusammengefasst!

7/1/07 14:47  

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