15.4.08

traurige tropen

Metaphern sind geheimnisvoll und bewusstseinserweiternd. Indem sie Dinge absichtlich "falsch" bezeichnen, geben sie kleine Rätsel auf und erschließen neue Bedeutungszusammenhänge. Ohne Metaphern wäre die fortschreitende Alphabetisierung der Welt - ihrerseits natürlich auch nichts anderes als eine riesengroße Metapher - kaum zu ertragen.

Allerdings setzt die erfolgreiche Verwendung von Metaphern Eigenschaften voraus, die in Deutschland nicht gerade im Übermaß vorhanden sind: die Fähigkeit zum freien, assoziativen Denken und eine gewisse Distanz zu den eigenen Ideen und Vorstellungen.

Fehlen diese Eigenschaften, dann kommt so etwas zustande, wie diese Überschrift, neulich, auf Spiegel Online:


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2.11.07

die gnade der späten geburt

So eine Überschrift wäre bis vor kurzem keinem deutschen Journalisten rausgerutscht:
"Berlin verlangt von Moskau sofortiges Ende des Überflugverbots"

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30.8.07

tod im eisbecher

Der Deutsche Dep(p)eschendienst zeigt, wie investigativer Journalismus im Jahr 2007 aussieht:
"Der Igel wuselt in Nürnberg durchs Gebüsch, als er plötzlich den Duft von Vanilleeis wittert. Er macht sich auf die Suche und findet einen achtlos weggeworfenen «McFlurry»-Eisbecher von McDonald´s. Sofort krabbelt das stachelige Säugetier in den Behälter, leckt die letzten Reste aus. Doch als er sich wieder befreien will, verhakt sich das Tier mit seinen Stacheln: Der Igel ist gefangen. Er bekommt seinen Kopf nicht mehr aus der runden Öffnung des Behälters - eine tödliche Falle."
Der Journalist greift sofort zum Telefonhörer. Konfrontiert mit den schrecklichen Vorkommnissen teilt der Konzern mit, dass die Entwicklung eines igelfreundlichen Eisbechers bereits "in den letzten Zügen" liegt. Sechs lange Jahre war "die für Igel lebensgefährliche Verpackung" im Handel. Anfang nächsten Jahres soll nun endlich Schluss sein.

Doch nun zurück zu unserem kleinen Helden, dem wuselnden, vanilleeis-liebenden stacheligen Säugetier:
"Im Gegensatz zu unzähligen seiner Artgenossen hatte das stachlige Säugetier in Nürnberg Glück: In dem Eisbecher gefangen steuerte der Igel gerade blindlings auf eine Straße zu, als Polizisten ihn entdeckten. Durch Zufall waren die Beamten auf die sich bewegende Verpackung aufmerksam geworden. Sie befreiten das Tier, das sich daraufhin offensichtlich unverletzt ins Unterholz verabschiedete."
Bleibt eigentlich nur die Frage, ob die Beamten den Todeskelch nach der Befreiungsaktion auch umweltgerecht entsorgt haben ...

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17.7.07

frauentausch

"Dazu blinzelt sie ganz entzückend mit großen runden Augen, aber das kann bei dieser aufregenden Premiere auch der Nervosität geschuldet gewesen sein. Ihre Stimme ist lieblich und hell. Ganz anders als Anne Will, die in tiefer Tonlage eine kühle Erotik verströmte, wirkt Caren Miosga mit ihrer kecken Kurzhaarfrisur vor allem sympathisch. Lustig, wie es manchmal in ihren Mundwinkeln schelmenhaft zuckt, wie die ganze Augenbrauenpartie ab und zu in eine joviale Wellenbewegung verfällt. Süß, ja wirklich: Süß ist das Wort, was von dieser ersten Miosga-Sendung wohl am ehesten hängen bleibt. Süß, aber ganz sicher nicht harmlos."
Komisch, was Journalisten durch den Kopf geht, wenn sie einer Kollegin bei der Arbeit zusehen. Noch komischer, dass sie das dann auch noch in Deutschlands größtem Nachrichtenmagazin veröffentlichen. Süß, aber ganz sicher nicht harmlos ...

[SpOn]

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27.3.07

zitat der woche

"Nicht überall ist Regen so unpopulär wie in Deutschland."
[Quelle]

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13.3.07

klimaschutz und innerweltliche askese

Wenn Deutsche nach dem Sinn des Lebens suchen, dauert es nicht lange, bis sie von Entsagung und Verzicht reden. Nur die Askese, also der "Verzicht auf sinnliche Genüsse und Vergnügungen zugunsten der Erreichung eines als höherwertiger oder innerlich befriedigender erachteten Ziels" (Wikipedia), kann uns von der allgegenwärtigen Entfremdung erlösen.

So kommt es, dass der Deutsche nach Ladenschluss in sich geht und seine ganz individuelle Strategie der Selbsterlösung entwirft. Wahlweise wird er dann zum Vegetarier oder verzichtet aufs Fernsehen, hangelt sich von einer Diät zur nächsten oder zieht aufs Land, trägt nur noch dicke Wollsocken oder verkauft sein Auto. Oder er wird zum Vegetarier, trägt nur noch Wollsocken und verkauft sein Auto. Denn die einzelnen Elemente der Erlösungsstrategie sind frei kombinierbar und können so passgenau auf die jeweilige Lebenssituation zugeschnitten werden. Ein nicht zu unterschätzender Nebeneffekt dieses modularen Charakters der Askese ist, dass sie fashion-kompatibel wird - also problemlos der jeweils aktuellen Mode angepasst werden kann. Die Medien haben das natürlich längst erkannt und versorgen ihre sinnsuchende Kundeschaft regelmäßig mit den aktuellsten Tips zur ethischen Lebensführung. Heute im Programm: der Klimaschutz. Wie sich das im schlimmsten Fall anhören kann, zeigt die ZEIT in 18 kumpelhaft-jovial formulierten und niedlich bebilderten Belehrungen:
"Wasser ist was Schönes, besonders, wenn man eine richtig große Badewanne hat. Diese aber ist ein furchtbar tiefes Energie-Grab, denn irgendwie muss das viele Wasser erhitzt werden. Neben der Heizung trägt die Warmwasserbereitung am stärksten zum Energiebedarf deutscher Behausungen bei. Der denkbar schlechteste Weg zum warmen Nass führt über den Boiler oder einen Durchlauferhitzer. (...) Entscheidend ist auch, wie heiß man's haben möchte: Mehr als 60 Grad Celsius muss das Wasser nicht warm sein, diese Temperatur lässt sich auch an der zentralen Warmwasseranlage einstellen. Und Baden sollte man eben nur in Ausnahmefällen: Duschen - zumal kalt! - verbraucht einfach weniger Energie und macht wach."
"Toast, Tee und Eier verschönern das Frühstück. Ihre Zubereitung indes verzehrt eine Menge Strom. Will man an Wasserkocher, Eierautomat und Toaster sparen, bietet sich nur eine Möglichkeit: fürderhin spartanisch zu frühstücken, denn zu den Kleingeräten gibt es keine Alternative. Wasser oder Eier auf dem Herd zu erhitzen, verbraucht beinahe doppelt so viel Energie. Geröstetes Brot aus dem Backofen, klingt nicht nur umständlich, sondern ist auch Stromverschwendung."
"Strahlend weiße Wäsche, flauschige Kuschelpullis und immer ein frisches T-Shirt auf dem Leib. Waschen hat nicht mehr allein mit Sauberkeit zu tun, hier geht es längst um mehr: ums Lebensgefühl. Kaum ein Kleidungsstück ist heute so dreckig, dass es unbedingt in die Trommel müsste, indes: es landet trotzdem dort - und hinterher womöglich noch im Wäschetrockner. Eine Orgie der Energieverschwendung. Nun sollte zwar niemand dazu übergehen, seine Klamotten bis zur Unerträglichkeit zu tragen. Aber der Temperaturwähler an der Waschmaschine hat auch kleine Zahlen, die von 30 bis 40 nämlich, und die reichen allemal, um ein bisschen Hautfett, Staub und Kneipenmief aus den Hemden zu spülen."
Und zum toast-, tee- und eierfreien Frühstück im ungebügelten Drei-Tage-Hemd lese ich dann kalt-geduscht, glücklich und erfüllt vom wahren Sinn des Lebens meinen Grillparzer:
Eins ist, was altergraue Zeiten lehren,
Und lehrt die Sonne, die erst heut getagt:
Des Menschen ewges Los, es heißt: entbehren,
Und kein Besitz, als den du dir versagt.

Die Speise, so erquicklich deinem Munde,
Beim frohen Fest genippter Götterwein,
Des Teuren Kuß auf deinem heißen Munde,
Dein wärs? Sieh zu! ob du vielmehr nicht sein.

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4.1.07

erfüllungsjournalismus

In Zeiten der großen Koalition ist mit Kritik und Opposition kein Staat zu machen. Das färbt auch auf den Journalismus ab. Es ist noch nicht allzu lange her, dass die deutsche Presselandschaft von investigativen Überzeugungstätern, von Skandale aufdeckenden "Muckrakern" dominiert war. In jüngster Zeit steht dagegen ein anderer Typ von Journalist im Vordergrund: der Erfüllungsjournalist. Statt den politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Eliten auf die Finger zu sehen, klopft er ihnen kumpelhaft auf die Schulter. Für einen kurzen Blick in ihr luxuriöses Leben bedankt er sich mit einfühlsamen Lobgesängen und hofft, dass ein ganz klein wenig ihres weltläufigen Glanzes auch an ihm kleben bleibt. Den Begriff des "Under-Cover-Journalismus" würde er am liebsten wörtlich nehmen und als er während des Irak-Kriegs zum ersten Mal das Wort "embedded" hörte, dachte er an Madonna. Unter dem Deckmantel des Enthüllungsjournalisten hat er sich unmerklich zum Spesenritter und Hofberichterstatter gewandelt. Und so klingen seine "Reportagen", zum Beispiel über den Bundespräsidenten:
"Lebensweltlich repräsentieren er und seine überaus elegante Frau Eva jenen weltläufigen Chic der gehobenen Mittel- und Oberschicht Deutschlands, die auf der Höhe der Zeit verlorene bürgerliche Traditionen wieder aufnimmt. Wenn man die Köhlers im Villenviertel Dahlem spazieren gehen sieht oder am Schlachtensee schwimmen oder das Ehepaar in einer Klassik-Clubnacht zwischen Acne-Jeans tragenden Jugendlichen sitzen sieht, bekommt man Lust auf dieses Land. Lust, mit anzupacken. Horst Köhler hat Stil. [...] Dieser Bundespräsident ist ein Garant für das weitere Gelingen Deutschlands."
[Ulf Poschardt in der Welt über Bundespräsident Köhler - via Zwischenspeicher]

Nachtrag: Hierzu passt dann auch die Spiegel-Kritik der Frankfurter Rundschau: "Der Spiegel hat [...] seine lange währende Funktion als politisches Leitmedium verloren - und die Rolle als investigatives Flaggschiff ebenso: [...] Montags wird im Land nicht mehr gebibbert. Es steht der Vorwurf von Franziska Augstein im Raum, das Produkt sei beliebig geworden und geschwätzig." Wer, außer dem Spiegel selbst, würde da widersprechen?

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3.1.07

die logik kollektiven handelns

"Kürzlich hatte ich einen Traum. Alle Menschen konnten fliegen, aber niemand durfte höher fliegen als ich. Und ich fand Spaß daran so tief zu fliegen, dass alle andern mit ihren Nasen den Matsch am Boden durchpflügen mussten, wenn sie auch fliegen wollten. Ich bin grinsend aus diesem Traum erwacht."
[Neon-Chefredakteur Michael Ebert im Parlament]

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8.10.06

...

"Deutschland war aufgestanden, aber Schumi blieb plötzlich liegen."
[Bild.de]

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27.9.06

erfolg

"Lob für Schäuble - erste Konflikte zwischen den Muslimen"
[Spiegel Online Überschrift zum Auftakt der "Islamkonferenz"]

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14.9.06

schlagzeile der woche

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