11.10.08

schlatzen

"Schlangen und Katzen können nicht Schlatzen zeugen."
[Niklas Luhmann, zehn Jahre im Voraus, zum politischen Umgang mit der Finanzkrise (Luhmann, 1998, Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 486)]

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15.11.07

kontingenz

Kontingenz ist einer der Lieblingsbegriffe der soziologischen Systemtheorie. Niklas Luhmann definiert Kontingenz als "etwas, was weder notwendig ist noch unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist". Der rhetorisch etwas unkompliziertere Österreicher würde auch sagen: "Anything goes!".

Kontingenz ist aber nicht nur ein theoretisches Konstrukt. Kontingenz ist vor allem ein grundlegendes Prinzip der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Und als solches macht es jedem, der die gesellschaftliche Wirklichkeit steuern will, das Leben schwer. Am deutlichsten wird das bei der Gesetzgebung. Anders als die Rechtsprechung, die konkrete, bereits vollzogene Handlungen auf ihre Rechtmäßigkeit prüft, muss die Gesetzgebung eine fast unendliche Vielzahl möglicher Verhaltensweisen antizipieren und diese - lange bevor sie tatsächlich stattgefunden haben - in Erlaubtes und Unerlaubtes unterteilen. In Luhmanns Worten muss sie also alles, was, so wie es ist, sein kann, aber auch anders möglich ist, berücksichtigen.

Wie das im konkreten Fall aussehen kann zeigt der aktuelle Regierungsentwurf für ein "Fleischgesetz" (pdf), das das derzeit geltende "Vieh- und Fleischgesetz" ersetzen soll. Dort heißt es in der Erläuterung der Begriffsbestimmungen:
"Schlachtstätten sind [...] Einrichtungen oder Anlagen, in denen Schlachttiere gewerbsmäßig oder im Rahmen einer wirtschaftlichen Unternehmung geschlachtet werden. Der Inhaber einer Schlachtstätte kann gleichzeitig Inhaber eines Schlachtbetriebs sein. Eine Schlachtstätte kann auch Teil eines Schlachtbetriebs sein. Möglich ist auch, dass in einer Schlachtstätte ausschließlich Tiere für andere Unternehmen/Schlachtbetriebe geschlachtet werden, und die Schlachtstätte für die Durchführung der Schlachtung ein vorab vertraglich festgelegtes Entgelt erhält. Ankauf der Schlachttiere und Vermarktung der Schlachtkörper verbleiben dann in der Hand des Schlachtbetriebs; die Schlachtstätte stellt lediglich im Wege der Dienstleistungserbringung ihre Einrichtungen und ihre Arbeitskräfte zur Verfügung."
Vielleicht hat der Gesetzgeber damit alles, "was so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist", berücksichtigt. Vielleicht aber auch nicht.

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21.9.07

wissen macht ah?

"Ich bin manchmal traurig, wenn es in unserer Gesellschaft viel Unwissen oder Unverständnis über wichtige Dinge gibt. So etwas wie die "Sendung mit der Maus" ist ja oft nicht nur für Kinder lehrreich."
[Angela Merkel im Bunte-Interview]

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12.7.07

staatsaufgaben

Was kann und soll der Staat heute noch leisten? Was sind seine Kernaufgaben? Wo verläuft die Grenze zwischen dem "schlanken Staat" und der politischen Bulimie? Seit Jahrzehnten werden Ökonomen, Juristen und Politikwissenschaftler nicht müde, diese Fragen zu diskutieren und immer neue Rezepte gegen die systematische Selbstüberforderung der Politik zu entwickeln.

Den Staat lässt das allerdings kalt. Abgesehen von symbolischen Programmen (Bürokratieabbau, Rechtsbereinigung, schlanker Staat) zieht er munter immer neue, inzwischen oft ziemlich kurios anmutende Aufgaben an sich. Aktuelles Beispiel ist ein Antrag der Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und SPD, in dem die Regierung aufgefordert wird, alles nur Erdenkliche zur Förderung des deutschen Kreuzfahrt- und Fährtourismus zu tun.
"Unter anderem wird die Regierung aufgefordert, die Anbindung der Häfen sowohl von der Land- als auch von der Seeseite zu verbessern und mit deutschen Reedereien und Kreuzfahrtveranstaltern darüber zu verhandeln, wie sich der Anteil der Kreuzfahrtschiffe unter deutscher Flagge erhöhen lässt. Die Deutsche Zentrale für Tourismus solle Deutschland noch intensiver als Ziel von Hochsee- und Flusskreuzfahrten vermarkten. Im Übrigen solle die Regierung prüfen, ob auf EU-Ebene im Fährverkehr und bei Kreuzfahrten zwischen europäischen Häfen ein einheitliches und einfaches Verfahren für die Zuordnung der Verbrauchs- und Mehrwertsteuern bei Verkäufen an Bord geschaffen werden kann. Mit der Deutschen Bahn sei über eine bessere Anbindung der Kreuzfahrtterminals an das Netz der Bahn zu verhandeln. Die Bahnhöfe in der Nähe dieser Terminals müssen nach Ansicht der Fraktionen für ausländische Touristen attraktiver gestaltet werden."
Ein Wunder, dass die schwarz-rote Regierung von den schwarz-roten Fraktionen nicht auch noch aufgefordert wird, für eine vollständige Auslastung aller deutschen Fähren Kreuzfahrtschiffe zu sorgen. Die Betreiber müssten dann nur noch den Preis festlegen und kassieren. Um alles andere kümmert sich der Staat.

Niklas Luhmann hat diese Tendenz der Politik, jeden Bürger, jedes Unternehmen und jede Branche möglichst umfassend vor den Unbillen des Lebens zu schützen als wohlfahrtsstaatliche Logik der Inklusion bezeichnet: Jeder hat grundsätzlich ein Anrecht auf staatliche Unterstützung. Mit jedem Einzelanspruch, den der Staat erfüllt, taucht aber eine Masse ähnlicher Ansprüche auf, denen aus Gründen der Gleichbehandlung und Gerechtigkeit dann auch entsprochen werden muss. Wenn die Regierung heute dafür sorgt, dass jeder Kreuzfahrthafen einen eigenen modernen Bahnhof bekommt, dann fordert morgen jedes Designer-Outlet im außerstädtischen Gewerbegebiet seinen eigenen S-Bahn Anschluss. Und kann sich dabei auch noch auf allgemein anerkannte Grundwerte wie Gerechtigkeit und Gleichbehandlung berufen.

Nach Luhmann läuft dieses Inklusionsprinzip im Ergebnis auf die Entdeckung immer neuer Probleme als öffentliche Aufgaben hinaus ("sichere Bootsstege für Sonntagssegler, Heißlufthändetrockner in öffentlichen Toiletten usw.") und führt zu einer "Universalzuständigkeit des Staates - wenn nicht auf der Ebene politischer Verantwortung, so doch in der Perspektive derjenigen, die Ansprüche erheben". Und - wie man sieht - auch in der Perspektive derjenigen, die über die Erfüllung dieser Ansprüche zu entscheiden haben.

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11.7.07

deutsche blogs jetzt auch im bundestag

Der wissenschaftliche Dienst des Bundestags erklärt seinen Abgeordneten die Bedeutung von Weblogs in der Politik. Fazit: 1) deutsche Blogs sind selbstbezüglich, unprofessionell und daher vernachlässigbar. 2) Interessant wird das Medium erst, wenn sich die Parteien seiner annehmen: "Erst die kommende Bundestagswahl wird zeigen, inwieweit sich Weblogs dauerhaft als Medium der politischen Kommunikation etablieren können". Was sollte man auch anderes erwarten, wenn ein selbstreferentielles System ein anderes selbstreferentielles System beschreibt.

Natürlich verrät die Studie auch, was ein Blog eigentlich ist:
"Ein Blog ist ein für den Herausgeber („Blogger“) und seine Leser einfach zu handhabendes Medium zur Darstellung von Meinungen und Informationen zu unterschiedlichen Themen."
Mal sehen, was Wikipedia dazu sagt:
"Ein Blog ist ein für den Herausgeber („Blogger“) und seine Leser einfach zu handhabendes Medium zur Darstellung von Aspekten des eigenen Lebens und von Meinungen zu oftmals spezifischen Themengruppen."
Zum Glück gibt's im Bundestag Internet. Sonst wüssten die Abgeordneten heute noch nicht, was ein Weblog ist.

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2.2.07

systemtheorie als zwangsneurose

"[D]ie Entwicklung der Systemtheorie mit ihrem Formalismus und Ordnungsdenken [ist] die Möglichkeit des Zwangsneurotikers [...], seiner Zwangsneurose zu entgehen, indem sie gewissermaßen in die Theorie verlagert wird."
[Der Marburger Politologe Thomas Krumm in einem ebenso interessanten wie spekulativen Aufsatz über die biographischen Wurzeln der Luhmannschen Systemtheorie - via Systemagazin]

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23.11.06

heilige kühe

Bundespräsident Horst Köhler bringt Niklas Luhmann gegen die wohlfahrtsstaatlichen Launen des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers in Stellung:
"Der Staat wird (...) für immer mehr Interessenbefriedigung und für große Bereiche des Alltags zuständig, in denen er nichts befehlen, sondern nur mit Geld und guten Worten auf seine Bürger einwirken kann. Das hat die Lobby der organisierten Partikularinteressen stark gemacht, die möglichst viel für ihre Klientel herausholen will und der es gelang, sich intensiv in staatliche Entscheidungen einzuschalten.

So haben alle jahrzehntelang fleißig mitgemacht, obwohl eigentlich jeder hätte wissen können, was Niklas Luhmann einmal so formuliert hat: "Alles in allem gleicht der Wohlfahrtsstaat dem Versuch, die Kühe aufzublasen, um mehr Milch zu bekommen." Diese Illusion mochte verständlich sein, solange es Jahr um Jahr mehr zu verteilen gab und solange noch nicht Milliarden von Menschen in Osteuropa und Asien mit Fleiß und Ideen um ihren Anteil am weltweiten Wohlstand konkurrieren durften. Aber inzwischen ist es endgültig selbstzerstörerisch, immer weiter den Blasebalg zu bedienen" [Quelle].
Während sich die CDU über so viel Wohlfahrtsstaatkritik empört, schimpft die SPD auf die "Rüttgers Sauerei". Verkehrte Welt oder nur ein Schritt auf dem Weg zur deutschen Einheitspartei?

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8.11.06

versteckte aphorismen

Das Beste am Werk des Soziologen Niklas Luhmann sind seine Aphorismen. Leider hat Luhmann sie nie Aphorismen genannt und - damit auch ja niemand sie als solche erkennt - vorsorglich noch eine undurchdringliche Bleiwüste abstrakter Theorie um sie herum gestrickt. Und da in der Wissenschaft Form meist wichtiger ist als Substanz, gilt Luhmann heute in Deutschland als komplizierter Theoretiker und nicht als brillianter Aphoristiker. Wer ein Luhmann-Buch in die Hand nimmt, ist bereits auf niveauvolle Langeweile eingestellt und nicht auf unberechenbaren Esprit.

Deshalb gibt es heute, fast 10 Jahre nach seinem Tod, auch immer noch kein Buch, das die schönsten Luhmannschen Gedankensplitter U-Bahn-tauglich zusammenfasst. Das ist schade. Denn die sorgfältig verstreuten ironischen Pointen seiner sonst eher ermüdenden und immergleichen Bandwurmtheorie bilden die vielleicht einzige Brücke zwischen unserer Lebenswelt und Luhmanns Ideen. Sie sind der einzige Zugang zu einem ansonsten verschlossenen und geradezu kafkaesken Theoriegebäude, an dessen Anfang und Ende unhinterfragbare Glaubenssätze stehen, denen man als Leser nur passiv-resigniert zustimmen kann - oder eben nicht. Letztendlich machen erst Luhmanns kurze und aphoristische Ausflüge in die Realität die Zustimmung zu seiner Theorie möglich.

Wenn man beispielsweise Artikel 1, Nr. 2 des gerade in den Bundestag eingebrachten "Entwurfs eines Dritten Gesetzes zur Änderung des Weingesetzes" (pdf) liest* und dazu den lakonischen Satz
"Das Recht dient der Fortsetzung der Kommunikation mit anderen Mitteln"
aus Luhmanns Buch "Soziale Systeme" im Ohr hat, dann erst kann man sich ein lebendiges Bild davon machen, was ein selbstreferentielles System ist und wie sich ein solches System aus sich selbst heraus, ohne Mitwirkung seiner Umwelt immer wieder neu erschafft. Aber das zu erklären wäre so langweilig, dass wir Luhmann dankbar sein sollten, dass er uns diese Arbeit abgenommen hat.

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* "Das Weingesetz vom 8. Juli 1994 in der Fassung der Bekanntmachung vom 16. Mai 2001 (BGBl. I S. 985), zuletzt geändert durch Artikel 3 des Gesetzes vom … (BGBl. I S. …), wird wie folgt geändert:
[...]
In § 3 Abs. 2 Satz 1, § 3a Abs. 2, § 4 Abs. 2, § 7 Abs. 2 und 3, § 8a Abs. 2 Satz 1 und 2,§ 8b, § 12 Abs. 1 und 2, § 13 Abs. 3, § 14, § 15, § 16 Abs. 1a, 2 Satz 1, Abs. 3 bis 5, § 17 Abs. 2, § 18 Abs. 4 Satz 1, § 21 Abs. 1 und 2, § 23 Abs. 3, § 24 Abs. 2 bis 4, § 26 Abs. 3, § 27 Abs. 2, § 28 Abs. 3, § 29 Abs. 1, § 30, § 31 Abs. 4, § 33 Abs. 1 und 1a Satz 1, Abs. 2 Satz 1, § 35 Abs. 2, § 36 Abs. 1 Satz 1 und Satz 2 Nr. 7 Buchstabe a, § 41 Satz 2, § 42 Abs. 1 Satz 1 und 2, Abs. 2, § 45 Satz 2, § 47 Satz 4, § 51, § 53 Abs. 2 und 4, § 55, § 57 Abs. 3 und § 57a Abs. 1 werden jeweils die Wörter „Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft“ durch die Wörter „Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz“ ersetzt."

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14.10.06

ungerechte gerechtigkeit

Dass Politik und Wissenschaft unterschiedlichen Logiken folgen und daher - wenn überhaupt - nur bedingt kompatibel sind, ist nicht neu. Umso interessanter ist das hochschulpolitische Experiment, die staatliche Förderung von Universitäten ausschließlich von wissenschaftlichen Kriterien abhängig zu machen. Die Grundidee hinter dieser sogenannten Exzellenzinitiative: der Staat stellt die Fördermittel bereit, die Wissenschaft in Gestalt von Deutscher Forschungsgemeinschaft und Wissenschaftsrat entscheidet, wer das Geld bekommt. Gestern wurden die Ergebnisse der ersten Vergaberunde bekanntgegeben (zur Pressemitteilung der DFG). Die Spitzenuniversitäten kommen aus Bayern und Baden-Württemberg und auch bei der Förderung von Graduiertenschulen und Exzellenzclustern gibt es ein deutliches Süd-Nord-Gefälle. Die Mittelvergabe aufgrund wissenschaftlicher Qualität führt somit zu deutlichen regionalen Ungleichheiten.

Wie nicht anders zu erwarten, protestierten die Wissenschaftsminister der nördlichen Bundesländer gegen diese ungleichmäßige Mittelvergabe und bezeichneten sie als Ungerechtigkeit. Ihr Grundtenor: Exzellenz ja, aber bitte gleichmäßig auf alle verteilt. Der schleswig-holsteinische Minister Dietrich Austermann bringt das auf den Punkt. Laut FAZ sagte er, "die Wissenschaftler hätten im Bewilligungsausschuß die Chance verpaßt, einen wissenschaftlich begründbaren Ausgleich zwischen dem Norden und dem Süden vorzunehmen". Je nachdem, welches Kriterium angelegt wird, stellt sich ein und dieselbe Entscheidung also einmal als gerecht und ein anderes Mal als hochgradig ungerecht dar. Und beide Seiten haben auf ihre Weise jeweils Recht.

Dass sich die Wissenschaft in der ersten Vergaberunde der Exzellenzinitiative durchgesetzt hat, liegt übrigens einzig und allein an den vorab festgelegten Entscheidungsregeln.
"In dem gemeinsamen Bewilligungsausschuß, in dem Bund, Länder und Wissenschaft vertreten sind, haben die Länder je eine Stimme, der Bund sechzehn Stimmen und die Wissenschaftler je 1,5 Stimmen, was ihnen eine Mehrheit verleiht. Die nutzten die Forscher aber selbstbewußt unter Berufung auf das Kriterium der Exzellenz. Sie legten den beteiligten Wissenschaftsministern aus Bund und Ländern eindeutige Entscheidungen vor" [FAZ].
Es ist daher keine Kunst zu prognostizieren, dass die Politik in der zweiten Vergaberunde vor allem versuchen wird, diese Entscheidungsregeln zu ändern.
"Die Politiker fühlten sich von den Juroren aus der Wissenschaft bevormundet. Sie fordern nun mehr Einfluß auf das Verfahren, wenn im kommenden Frühjahr weitere 1,1 Milliarden Euro Fördermittel vergeben werden" [FAZ].
Damit wäre allerdings auch der Versuch einer Politik, die die Eigenlogik der von ihr gesteuerten Gesellschaftssysteme stärker berücksichtigt, an der Unvereinbarkeit beider Logiken gescheitert. Niklas Luhmann hätte das natürlich schon vorher gewusst.

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12.9.06

kühe aufblasen

"Alles in allem gleicht der Wohlfahrtsstaat dem Versuch, die Kühe aufzublasen, um mehr Milch zu bekommen".
[Niklas Luhmann, Der Staat des politischen Systems]

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21.8.06

nachtrag zur patriotismusdebatte

War die Wiederentdeckung des schwarz-rot-goldenen Patriotismus vielleicht nur ein banales Missverständnis?

Jedenfalls enthüllt der berühmte "Blick von außen" - in diesem Fall durch die Regale eines ideologisch unverdächtigen portugiesischen Supermarktes - manch blinden Fleck der deutschen Selbstwahrnehmung: Spätestens seit 1832 gehören Deutschland und Schwarz-Rot-Gold zusammen wie Bockwurst und Senf. Wir Deutschen hatten das lediglich eine Zeitlang verdrängt. Und wie bei Verdrängtem üblich wurde es dann irgendwann, als niemand es mehr erwartete, als Neuigkeit wiederentdeckt.

Dem Ausland jedoch war dieses Hin und Her aufgrund mangelnden Interesses an kurzfristigen deutschen Befindlichkeitsschwankungen schlicht und einfach entgangen. In der harten Realität des internationalen Bockwurst-Marketing sind die Selbstzweifel der Deutschen Frage nie wirklich angekommen: Deutschländer Würstchen wurden und werden fast überall auf der Welt mit den Farben der deutschen Flagge beworben, ganz ohne Rücksicht auf die fragile bundesrepublikanische Identität.

Uns Deutschen fehlt in inneren Angelegenheiten meist dieser fremde Blick, der unsere zerfahrene Selbstwahrnehmung durch Weglassen komplexer Details so wunderschön ergänzt. Und das, obwohl gerade wir die Perspektive des neutralen Beobachters in luziden Momenten unserer Geistesgeschichte immer wieder eingefordert haben. So wusste ein Deutscher namens Jean Paul schon vor vielen Jahren, dass man "sich nicht anders ganz sehen kann, als im Auge eines fremden Sehers". Ein anderer Deutscher (Niklas Luhmann) wurde bis zu seinem Tod vor wenigen Jahren nicht müde, dieselbe Botschaft in komplizierteren (und dadurch möglicherweise wirkungsvolleren) Sätzen zu wiederholen: erst der Beobachter eines Beobachters sieht, was der Beobachter selbst nicht sehen kann. Solche Beobachtungen "zweiter Ordnung" sind nötig, um sich selbst zu verstehen.

Und um sie zu ermöglichen, wurde der Urlaub erfunden.

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13.5.06

große koalition

Glaubt man dem Soziologen Niklas Luhmann, so gibt es in der Politik nur zwei denkbare Aggregatzustände: Regierung oder Opposition. Kein Politiker und keine Partei kann beides gleichzeitig sein. Politik ist ein unaufhörliches hin-und-her, ein ständiges Kofferpacken, ein endloses "Entweder/Oder".

Wenn
aber
"politische Bewegungen, etwa die 'Grünen', sich diesem Entweder/Oder nicht fügen, sondern gleichzeitig an der Regierung und in der Opposition operieren möchten, verhalten sie sich ohne Verständnis für strukturelle Systembedingungen, und ihre Erfolge können dann nur darin bestehen, Schwierigkeiten zu bereiten"
Was Luhmann nur den Grünen zutraute gehört heute plötzlich zum Alltag unserer großen Volksparteien. Beide versuchen seit Wochen, Regierung und Opposition in einem zu sein. Und wie Luhmann prophezeite besteht ihr einziger Erfolg darin, Schwierigkeiten zu bereiten.

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5.3.06

vollkasko-fußball

Nach der 1:4 Niederlage der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Italien wollen deutsche Politiker Bundestrainer Jürgen Klinsmann vor den Bundestag zitieren. Er soll den Volksvertretern erklären, wie er sicherstellen will, dass Deutschland im Sommer wie geplant die Fußballweltmeisterschaft gewinnt. "Ich würde mich freuen, wenn der Bundestrainer dem Sportausschuss sagen würde, wie er eine sichere Basis für das Team schaffen will" (Reinhold Hemker, SPD). Immerhin sei die WM ein "nationales Anliegen" (Miriam Gruß, FDP). Interessanterweise ist diese Einmischung der Politik in sportliche Ereignisse kein Einzelfall, der sich aus einer spontanen Panikreaktion der Parlamentarier auf ein desolates WM-Testspiel erklären ließe. Bereits im Februar 2006 haben die SPD-Bundestagsabgeordneten Steffen Reiche und Peter Danckert einen Gesetzesentwurf zur Verankerung des Sports im Grundgesetz vorgelegt. Wortlaut des geplanten Artikel 20b des Grundgesetzes: "Der Staat schützt und fördert die Kultur und den Sport". Als Grund gibt der ehemalige Brandenburgische Sport- und Bildungsminister Reiche an, es sei "gesellschaftlich geboten, dem Staat Aufgaben zuzuweisen, damit er die Bürger vor den Folgen der Globalisierung schützen kann. Eine nationale Verfassung hat nun einmal auch die Aufgabe, relevante Lebensweisen und soziokulturelle Instrumentarien vor dem Ansturm ungefesselter Globalisierungskräfte zu bewahren". Spätestens im Frühjahr 2006 ist die inzwischen schon charakteristische Vollkasko-Mentalität der Deutschen damit endlich auch beim Sport angekommen.

Zwar erscheint es zunächst als einigermaßen absurd, dass die Politik, die kaum in der Lage ist ihre eigentlichen Kernaufgaben zu erfüllen, jetzt auch noch die Verantwortung
für das Abschneiden einer nicht gerade überzeugenden deutschen Fußballnationalelf an sich ziehen möchte. Wirklich überraschend ist dieses Anliegen aber nicht. Es spiegelt vielmehr die weitverbreitete Überzeugung wider, dass das politische System immer dann (und nur dann) zuständig ist, wenn andere Teile der Gesellschaft ihre Probleme nicht mehr alleine lösen können. Geht es den Bauern gut, stört Politik nur, bricht aber eine Geflügelpest aus, so muss die Politik unverzüglich "Entschädigung" zahlen. Laufen die Geschäfte der Banken und Versicherungsgesellschaften gut, dann stört der Staat nur, haben sie sich aber an der Börse verspekuliert, dann muss die Politik einspringen und die Ersparnisse der kleinen Leute retten. Gelingt es dem Deutschen Fußballbund nicht, ausreichend guten Nachwuchs zu fördern und einen kompetenten (und manchmal auch physich präsenten) Fuballtrainer zu finden, dann muss der Bundestag einspringen. Warum aber lässt sich die Politik darauf ein?
"Als gerufene Kraft, die Verhältnisse in Ordnung zu bringen, wirkt (die Politik) hauptsächlich dadurch, dass sie dem Appellieren an Politik keine Schranken zieht. So reproduziert sie Hoffnungen und Enttäuschungen und lebt davon, dass die Themen, an denen dies geschieht, hinreichend schnell ausgewechselt werden können" (Niklas Luhmann, Ökologische Kommunikation).
Wider besseren Wissens glauben einige deutsche Politiker also offenbar selbst daran, alle ungelösten gesellschaftlichen Probleme lösen zu können. Was aber bedeutet das für den deutschen Fußball und die anstehende Weltmeisterschaft? Was genau kann die Politik tun, damit Deutschland bei der WM eine Chance hat? Um die entfesselten Kräfte der Globalisierung zu zähmen, bleibt dem ums Wohl der deutschen Fußballfans besorgten Parlament nur eine Option: es muss schnellstmöglich ein Gesetz verabschieden, das alle Nationalmannschaften verpflichtet ausschließlich mit deutschen Spielern anzutreten. Nur so kann der Globalisierungsdruck verringert und die deutsche Fußballnationalmannschaft wirksam vor Wettbewerbsnachteilen geschützt werden.

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