8.6.06

weniger ist mehr

Anspruch und Wirklichkeit, Theorie und Praxis klaffen in Deutschland oft meilenweit auseinander. Ein Beispiel hierfür sind die sogenannten Mehrgenerationenhaushalte. Was in anderen westlichen Industrieländern oft noch zur Normalität gehört, nämlich dass Kinder, Eltern und Großeltern mitunter im selben Haus oder in enger Nachbarschaft leben, existiert in Deutschland nur noch in der Theorie ... oder in den Familienserien des öffentlich-rechtlichen Vorabendfernsehens. Selbst in der trocken-technokratischen Vorstellung des neuesten Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes schwingt die Sehnsucht nach südländischem Familienflair unterschwellig - und hinter Stoiberscher Wortakrobatik versteckt - mit:
"Drei und mehr Generationen - bestehend aus Eltern, Kindern und Großeltern sowie gegebenenfalls Urgroßeltern und Enkeln - wohnten nur in knapp 1% der Haushalte unter einem Dach. Damit bestanden die Mehrgenerationenhaushalte, in denen mindestens zwei in gerader Linie verwandte Generationen in einem Haushalt zusammenleben, fast ausschließlich aus Zweigenerationenhaushalten".
In einem Land, in dem Mehrgenerationenhaushalte fast ausschließlich Zweigenerationenhaushalte sind, die öffentliche Statistik sie aber trotzdem beharrlich als Mehrgenerationenhaushalte ausweist, ist der Realitätsverlust bereits ziemlich weit fortgeschritten. Da wundert es auch nicht, dass die Bundesregierung mit insgesamt 88 Millionen Euro sogenannte "Mehrgenerationenhäuser" fördert, deren Name generationenübergreifendes Leben suggeriert, die in Wirklichkeit aber kaum mehr als ein normaler Bürgerladen sind. Das Familienministerium beschreibt sie so:
"Sie sind Anlaufstelle, Netzwerk und Drehscheibe für familienorientierte Dienstleistungen, Erziehungs- und Familienberatung, Gesundheitsförderung, Krisenintervention und Hilfeplanung. Dabei sollen sie eigene Angebote der Frühförderung, Betreuung, Bildung und Lebenshilfe entwickeln".
Familienministerin Ursula von der Leyen fügt hinzu:
"Das sind Orte, an denen sich die Menschen tagsüber treffen können, wo es eine Krabbelgruppe mit einer Altenbegegnungsstätte gibt, ein Jugendzentrum und Hausaufgabenhilfe unter einem Dach, so dass wir einander stärker helfen können".
Planung, Dienstleistung, Intervention. Das ist das gesamte sozialbürokratische Programm unter einem Dach, theoretisch verklärt als Rückbesinnung auf traditionelle Familienstrukturen. Deutlicher kann der Kontrast zwischen Theorie und Wirklichkeit kaum ausfallen.

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