22.6.06

die welt zu gast bei mülltrennern

Deutschland ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Jedenfalls was die Abfallentsorgung betrifft. Der gute alte Abfalleimer ist in deutschen Haushalten längst einer Batterie von Sekundärrohstoffsammelbehältern gewichen. Aus dem gedankenlosen Wegwerfen früherer Zeiten ist dank Sesamstraße, Löwenzahn und Kreislaufwirtschaftsgesetz eine bewusst wahrgenommene und intellektuell anspruchsvolle Entscheidungssituation geworden - einschließlich aller damit verbundenen Zielkonflikte und Entscheidungsdilemmata ("Muss ich den Joghurtbecher ausspülen bevor ich ihn in den gelben Sack gebe?", "In welchen Glasbehälter gehören blaue Flaschen?", "Darf das Kunststofffenster von Briefumschlägen in die Papiertonne?").

An all das haben wir uns nicht nur gewöhnt, viele von uns haben ihre Mülltrennung inzwischen sogar richtig lieb gewonnen und fest in ihr gutes Gewissen integriert. Doch wie so oft genügt uns das stille Bewusstsein, Gutes zu tun, nicht. Es überkommt uns ein unwiderstehlicher Drang, die gute Tat auch dem Rest der Welt mitzuteilen. Und wie so oft nimmt diese Mitteilung schnell die Form der Belehrung an. Wie sonst ist es zu erklären, dass ausgerechnet an Flughäfen, Bahnhöfen und bei Großveranstaltungen, also dort, wo sich besonders viele ausländische Besucher aufhalten, komplizierte und mehrsprachig beschriftete Abfalltrennsysteme aufgestellt sind, während der Rest unserer Städte mit einfachen Mülleimern Vorlieb nehmen muss? Warum müssen wir unser Verhalten immer gleich zum globalen Maßstab machen? Ist es eine Art pseudopatriotischer Ersatzhandlung, frei nach Emanuel Geibel:
"Und es mag am deutschen Wesen // Einmal noch die Welt genesen"?
Oder ist es einfach nur banale Wirtschaftsförderung, die sich der vagen Hoffnung hingibt, ausländische Politiker und Geschäftsleute auf die ausgeklügelten deutschen Trennsysteme und Sortiertechniken aufmerksam zu machen? Vielleicht ist ja beides. Eine Symbiose aus verdrängtem Patriotismus, der sich ein neues, unverdächtiges Ventil sucht, und wirtschaftspolitischem Standortwahn. Die Welt wird darüber schmunzeln, kann sich mit dem neuen deutschen Saubermannimage aber bestimmt gut abfinden.

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2 Comments:

Anonymous Rayson said...

Könnte der Unterschied darin liegen, wer für die Aufstellung verantwortlich ist?

Bei Flughäfen, Bahnhöfen und den meisten Großveranstaltungen dürfte es sich rechtlich um private Betreiber handeln, während die Mülleimer in der Stadt von selbiger bereitzustellen sind. Vielleicht ist der Staat wieder mal strenger gegenüber seinen Untertanen als gegenüber sich selbst.

22/6/06 15:44  
Blogger la deutsche vita said...

Habe ich natürlich auch einen Moment dran gedacht. Aber in den Städten ist es genauso: in der City wird getrennt, in den Wohngebieten hängen die alten orangefarbenen Einfacheimer. Zumindest hier in Berlin.

22/6/06 15:54  

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